Fachbeiträge

NAW

Plastik und Mikroplastik – Neue Herausforderungen für die Normung

Plastik und Mikroplastik – Neue Herausforderungen für die Normung

Zum ersten Mal wurde Anfang der 70iger Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts darüber berichtet, dass Plastik in der Umwelt eine Herausforderung darstellen wird. 30 Jahre später, Anfang der 2000der Jahre, führte dann eine Veröffentlichung von Richard Thompson zu einem wahren Hype in der Mikroplastikforschung. Die Anzahl der Veröffentlichungen sind seitdem in exponentieller Weise angestiegen. Es wurden viele Daten veröffentlicht. Ausgehend von Untersuchungen im Meer liegen mittlerweile auch Untersuchungen von Oberflächengewässern, Böden sowie hiermit in Verbindung stehenden Materialien umfangreich vor. Die Daten sind jedoch nicht unmittelbar vergleichbar, weil nach keiner einheitlichen Methodik untersucht wurde. Auch aufgrund der fehlenden Verfahrenskenndaten können die Ergebnisse nicht eingeordnet werden. Auf dieser Basis sind derzeit weder aussagekräftige Stoffstrombetrachtungen noch weitergehende Aussagen zu einer Umweltbewertung möglich.

Aus dieser Situation ergeben sich vielfältige Aufgaben für die Normung. Da es sich beim Plastik und Mikroplastik um eine internationale Herausforderung handelt, stellen sich diese Aufgaben zunächst für ISO und CEN. In beiden Organisationen gibt es eine Vielzahl von Technischen Komitees, die thematisch betroffen sind. Das Themenfeld befindet sich im Spannungsfeld zwischen betroffener Wirtschaft und betroffenen Umweltmedien. Da es auf ISO Ebene kein horizontales Technisches Komitee gibt, ist es nicht verwunderlich, dass sich in verschiedenen Bereichen Initiativen mit ähnlichen Projekten gebildet haben, dieses Themenfeld zu bearbeiten. Insofern ist es zu begrüßen, dass sich zumindest das ISO/TC 61 Kunststoffe seinem SC 14 Umweltaspekte sowie das ISO/TC 147 Wasserbeschaffenheit mit seinem SC 2 Physical, chemical and biochemical methods dazu entschieden haben eine gemeinsame Arbeitsgruppe unter Leitung des ISO/TC 147 zu gründen, um hier Normen zur Untersuchung von Mikroplastik in wässrigen Medien zu erarbeiten. Das ISO/TC 147 wird im Normenausschuss Wasserwesen gespiegelt, der seit vielen Jahrzehnten im Bereich der Umweltnormung tätig ist.

Neben den strukturellen Herausforderungen gibt es auch eine Reihe inhaltlicher Herausforderungen zu meistern. Das Themenfeld der Umweltnormung fängt mit der Setzung von Begrifflichkeiten an. Hier wurde bereits im Bereich des ISO/TC 61 Kunststoffe vorgearbeitet (ISO/TR 21960 - Plastics — Environmental aspects — State of knowledge and methodologies). Sie stellen die Grundlage für die weiteren Arbeiten im Bereich „Kunststoffe und Umwelt“ auch über den ISO/TC 61 hinaus dar.

Trotz der zurückliegenden intensiven Forschungsanstrengungen in Deutschland, Europa und auch international handelt es sich bei den derzeit verwendeten Untersuchungsverfahren immer noch um relativ neue Methoden, die zumindest teilweise noch nicht völlig ausgereift sind und nach wie vor nicht für alle notwendigen Anwendungsbereiche einsetzbar sind. Neben den seit langen verwendeten spektroskopischen Verfahren (IR[1]- und Raman-Spektroskopie) haben sich mittlerweile auch die thermoanalytischen Untersuchungsverfahren (Pyrolyse-GC-MS,TED-GC-MS[2]) etabliert. Bis zur Fertigstellung der nun zu beginnenden Arbeiten werden noch wesentliche Erkenntnisse aus dem laufenden BMBF-Förderschwerpunkt „Plastik in der Umwelt“ zu erwarten sein. Durch die Bearbeitung beider methodischer Ansätze wird es möglich neben Partikelzahlen und -größen auch Massegehalte zu bestimmen. Bei den künftigen Arbeiten wird es darauf ankommen, beide Verfahren gleichartig zu behandeln und parallel in Normen zu überführen. Somit wird es möglich unterschiedliche Fragestellungen aus den verschiedenen Bereichen beantworten zu können.

Bedarfe ergeben sich besonders auf europäischer Ebene aus den Erfordernissen der Plastik-Strategie der Europäischen Union, die dazu beitragen soll, unerwünschte Plastikeinträge in die Umwelt zu vermindern. Hier ist eine Vielzahl von Rechtssetzungs-Projekten beschrieben, bei denen künftig zu prüfen sein wird, in wie weit Anforderungen zu Kunststoffen gestellt werden können. Nicht nur im Rahmen von Überwachungsverfahren sondern auch zur Überprüfung der Wirksamkeit der erlassenen Maßnahmen. Aber auch die vielfältigen Initiativen auf internationaler Ebene im Rahmen von G7, UN, WHO oder OECD machen deutlich, dass das Thema Mikroplastik aktuell und absehbar im Fokus der Politik steht. Valide Untersuchungsverfahren sind die Grundlage vieler Vereinbarungen und rechtlicher Reglungen. ISO und CEN haben in diesem Kontext die Verantwortung darauf zu achten, dass keine widersprüchlichen Verfahren genormt werden.

Im Normenausschuss Wasserwesen liegt das Sekretariat der neuen gemeinsamen Arbeitsgruppe im ISO/TC 147. Daneben werden viele wichtige Sekretariate von technischen Komitees im Umweltbereich gehalten. Neben technischen Arbeiten wird es darauf ankommen, dafür zu werben, wie in anderen Bereichen auch, dass nur aufbauend auf den Arbeiten dieser Gruppe weitere Normen entstehen.

Das Thema Kunststoffe ist ein neuer großer Themenkomplex, der absehbar die kommenden Jahren einen großen Teil der Normungsarbeit einnehmen wird.


[1] Infrarot

[2]Thermo-Extratraktion-Desorption-Gaschromatografie-Massenspektroskopie

Dr. Claus Gerhard Bannick

Fachgebietsleiter im Umweltbundesamt „Abwassertechnikforschung, Abwasserentsorgung“

Leiter der Arbeitsgruppe 4 im Unterkomitee 14 "Umweltaspekte" des ISO/TC 61 "Kunststoffe - Charakterisierung der in die Umwelt gelangten Kunststoffe"(einschließlich Mikrokunststoffe) und Qualitätskontrollkriterien der jeweiligen Methoden“

Designierter Leiter der gemeinsamen Arbeitsgruppe von ISO/TC 147 und ISO/TC 61 „Untersuchung von Kunststoffen (einschließlich Mikrokunststoffen) in wässrigen Medien“