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Kleinkläranlagen: Die am kompliziertesten CE zu kennzeichnenden Produkte?

Der Anfang

Nach dem Mandat M118 von 1994 dauerte es 11 Jahre, bis die Kleinkläranlagen-Norm EN 12566-3 endlich im Amtsblatt veröffentlicht wurde. Ab 2005 gültig, mit einem Jahr Übergangsfrist.

Nun sind Kleinkläranlagen wirklich ungewöhnliche Produkte, welche sich nicht mit einer kleinen Prüfung CE-kennzeichnen lassen. Da es sich hier bei der Feststellung der Reinigungswirkung um sensible biologische Prozesse handelt, wollte das Normungsgremium unter dem CEN/TC 165, die WG 41, einen aussagekräftigen Test, welcher Winter und Sommermonate beinhalten sollte. Das Konzept: Eine 38-wöchige Prüfung auf einem Prüffeld mit vorangestellter Einfahrphase für die jeweilige Kleinkläranlage, um die notwendige Biologie aufzubauen.
Problem war zu der Zeit, dass in zahlreichen Ländern noch keine Prüfstellen dafür aufgebaut waren.

Sie ahnen es vielleicht schon; Eine Prüfung, die fast ein Jahr dauert, mit nicht vorhandenen Prüfstellen für alle Hersteller im Europäischen Markt: Das kann man in einem Jahr nicht wirklich realisieren, oder?

Prüfstelle Kleinkläranlagen


So wurde auf Antrag von verschiedenen Ländern die Übergangsfrist von Jahr zu Jahr verschoben, bis es 2010 schließlich nicht mehr anders ging und die CE-KENNZEICHNUNG in allen Mitgliedsländern verpflichtend eingeführt wurde. In ALLEN?

Die Einführung der CE-KENNZEICHNUNG?

Nein, scheinbar gibt es Unterschiede:
In Italien etwa wurden schnell Lagerbestands-Verkäufe erlaubt und bis heute wird dort nicht auf CE-konforme Kleinkläranlagen geachtet. Brisantes Problem ist dabei, dass durch den Konkurrenzkampf die Kläranlagen immer kleiner und preiswerter wurden. Damit waren diese jedoch nicht mehr in der Lage, das Abwasser gut zu reinigen. Weiteres Problem ist nach wie vor, dass viele der 107 Provinzen in Italien eigene (seit Erscheinen der Norm illegale) Vorschriften hinsichtlich der konstruktiven Ausführung der Anlagen haben. Somit sind die Kläranlagen in Italien technisch sehr unterschiedlich, je nach Anforderung der Provinz.

Um es kurz zu sagen: Auch durch die fehlenden Kontrollen in Italien, ungeklärte Zuständigkeiten und die Machtlosigkeit seitens Brüssel, werden dort bis heute keine sinnvoll CE-konformen Kleinkläranlagen gehandelt.

In Österreich wird die EN 12566-3 ebenfalls ignoriert, da eine österreichische Ö-Norm für Kleinkläranlagen nicht mit Erscheinen der EN-Norm zurückgezogen wurde. Diese ist trotz geführten Gesprächen immer noch in Kraft, da man dort argumentiert, dass es einen Unterschied darstellt, ob es eine "vor Ort montierte Kleinkläranlage" (Wortlaut der EN-Norm), oder eine "vor Ort hergestellten Kleinkläranlage" (Wortlaut der Ö-Norm) sei.

Ich könnte hier noch weitere Fälle ausführen wie zum Beispiel die Sicht der Dinge in Spanien.

Die zu erklärenden Leistungen

Ein weiteres Problem ergibt sich auch dadurch, dass die zu erklärenden Leistungen in jedem Land individuell festgelegt werden können und die Informationen dazu nur schwer zu beschaffen sind. Für Kleinkläranlagen sind nach Norm folgende Prüfungen möglich:

  • REINIGUNGSLEISTUNG
  • STANDSICHERHEIT
  • DAUERHAFTIGKEIT
  • WASSERDICHTHEIT
  • BRANDVERHALTEN
  • GEFÄHRLICHE STOFFE


Für in die Erde eingebaute, wassergefüllte Kläranlagen ist zum Beispiel nur in Deutschland ein Nachweis zum Brandverhalten erforderlich. Alle anderen Behörden der Mitgliedsländer sehen das als nicht notwendig.

Verlässliche Informationen zu den zu erklärenden Leistungen waren in der Vergangenheit auch in Deutschland nur schwer zu bekommen, da die benannte Produktinformationsstelle, die BAM in Berlin, dazu nicht wirklich eine Auskunft erteilte. Die BAM verweist auf das DIBt, welches nun als zuständig erklärt wurde, aus meiner Sicht jedoch wegen Interessenskonflikten, hierzu eigentlich nichts sagen dürfte.


Leistungserklärung vs. EG-Konformitätserklärung?

Eine weitere Schwierigkeit für die Hersteller von Kleinkläranlagen ist nach wie vor, welche europäischen Richtlinien und Verordnungen nach dem 'new approach' eigentlich anzuwenden sind. Da eine Kleinkläranlage meist auch über eine elektrische Steuerung verfügt und evtl. explosionsfähige Faulgase entwickeln könnte, kommen ebenfalls die

  • Niederspannungs-Richtlinie,
  • Maschinen-Richtlinie,
  • EMV-Richtlinie,
  • ATEX-Richtlinie

für eine CE-KENNZEICHNUNG in Betracht.
Also erstellen einige Hersteller neben der Leistungserklärung lieber noch parallel eine EG-Konformitätserklärung nach den anderen anwendbaren Richtlinien, oder?


EuGH-Urteil: 2014 macht Schluss damit

Hersteller anderer Länder hatten Deutschland erfolgreich vor dem EuGH verklagt und diese Regelung musste nun geändert werden. Mit dem Urteil C100/13 wurde das ganze System mit den Bauregellisten und den allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen für CE-konforme Produkte gekippt. Mit einer Übergangszeit von zwei Jahren.

Dabei beschreiben die DIBt-Zulassungen durchaus sinnvolle Punkte, die bei Auswahl und Anwendung der entsprechenden Bauprodukte wichtig sind. Für Kleinkläranlagen waren das vor allem Aspekte wie Einbau, Betrieb, Wartung und erforderliche Reinigungswirkung.

Nach Norm geprüft, aber fast ohne Leistung?

Die Europäische Norm sagt zu den Punkten Einbau, Betrieb, Wartung und der erforderlichen Reinigungswirkung fast nichts aus. Wie auch in vielen anderen Normen, werden hier vor allem Prüfverfahren beschrieben. Während moderne Kleinkläranlagen für viele wichtige Parameter Reinigungsleistungen von über 95% erreichen, könnte ein Hersteller eine CE-konforme Prüfung auch mit 1% Reinigungswirkung erfolgreich abschließen. Doch wollen wir solche Anlagen?

Das EUGH-Urteil empfiehlt im Fazit, dass Deutschland seine Anforderungen stärker in die europäische Normung einbringen solle.

Doch wenn man sich das mal genauer anschaut, stößt man auch hier schnell auf Hindernisse. Denn die harmonisierten EN-Normen richten sich an die Hersteller der Produkte und deren Einflussbereich. Der endet jedoch damit, wenn das Produkt das Werksgelände verlässt. Somit ist es untersagt, Aspekte zu Einbau, Betrieb und Wartung mit in die Norm aufzunehmen.
Anforderungen zur Reinigungsleistung sind in den Ländern sehr unterschiedlich.

Wichtige Änderungen unwirksam!

Zusätzlich wurden durch das Gremium WG 41 wichtige Änderungen an der Norm
EN 12566-3 vorgenommen. Dazu zählen neben den Korrekturen zu den flexiblen
Bahnen die wichtige Aufnahme der zu erklärenden Leistung 'Häufigkeit der Schlammentleerung', welche von Finnland und Irland eingefordert wurden und was
die EU-KOMMISSION 2014 als Arbeitsauftrag an das Gremium gegeben hat.

Auch die für viel Konfusion sorgenden Anforderungen zu der Leistung 'GEFÄHRLICHE STOFFE ' war in der Normversion 2013, welche bis heute harmonisiert ist, falsch beschrieben worden.
Was man damals nicht bedachte ist, dass das Gremium  für jedes mögliche Behältermaterial auch die zu prüfenden Parameter hätte festlegen müssen.

In dieser Zeit fiel noch dazu die Unterstützung der CEN-Consultants weg, die das Gremium beraten sollten, inwieweit Änderungen an den Normen erforderlich oder nicht zulässig sind.


So kam es, dass die neue sinnvoll überarbeitete Norm EN 12566-3 in der Version 2016 von CEN zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Was niemand ahnte: Die Kommission lehnte anschließend die Harmonisierung wegen Nichtbeachtung des Mandates und anderer Regeländerungen ab. Somit erschien „unsere“ mühsam erarbeitete Kleinkläranlagen-Norm als neue Version 2016 und "löste" die alte Version 2013 ab. Diese war jedoch ungeeignet für jegliche CE-KENNZEICHNUNG, da die Veröffentlichung im Amtsblatt nie erfolgte!

Seit März dieses Jahres fordert nun die neue deutsche Abwasserverordnung die Angabe zur Häufigkeit der Schlammentleerung. Sollen die Hersteller nun diese neue Leistung in die Leistungserklärung aufnehmen und wäre das richtig? Nicht einfach zu entscheiden.

Nun könnten Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu dem Eindruck kommen, dass ich das alles besch… finde. Ja, tue ich auch, dennoch muss man verstehen, dass das alles ein großes Projekt ist, in welchem die Interessen aus vielen Ländern in einer einzigartigen Weise zu berücksichtigen sind. Letztlich haben wir ein Normwerk erschaffen, welches auch für Kleinkläranlagen funktioniert und in nie da gewesener Weise einen Vergleich der Systeme mit letztlich guten Produkten erschaffen hat. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen. Für komplexe Produkte wie Kleinkläranlagen ist es notwendig, diese auch für die Anwendung in anderen Ländern zu konzipieren. Sauberes Wasser brauchen wir dringender denn je. Meine Vision ist es, dass die nach unseren Standards geprüften Produkte auch über Europa hinaus mehr Anerkennung und Akzeptanz finden.

Dipl.-Ing. Elmar Lancé

Dipl.-Ing. Elmar Lancé
Von 2004 bis Mai 2018 arbeitete er als Prüfbereichsleiter an der europäisch notifizierten Prüfstelle PIA GmbH Prüfinstitut für Abwassertechnik und hat dort über 300 verschiedene Kleinkläranlagen getestet. Seit 2019 betreibt er das Prüffeld der MFPA an der Bauhausuniversität Weimar.
Er ist stellvertretender Obmann des DIN NA 119-05-04 AA Arbeitsausschuss Kleinkläranlagen und deutscher Experte in der europäischen Arbeitsgruppe CEN/TC 165/WG 41 Kleinkläranlagen.
2018 gründete Elmar Lancé das Institut für dezentrale Infrastruktur ID.I UG mit den Zielen der Beratung über die Vorzüge von dezentralen Strukturen vor Ort und wie dies umgesetzt werden kann.
2018 gründete er zudem die AQUA-CC GmbH mit dem Portal watersolutions.shop.
Kontakt: - e.lance@aqua-cc.eu -- Tel. 0049 (0) 1516500 9500