Fachbeiträge

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DIN 1988 – Ein historischer Streifzug durch 107 Jahre Regelwerk in der Trinkwasser-Installation

Die technischen Regeln für die Trinkwasser-Installationen in Deutschland haben eine lange Historie und stellen aufgrund Ihrer behutsamen und konstanten Weiterentwicklung einen Meilenstein in der technischen Regelsetzung dar. Viele Grundaussagen im technischen Regelwerk sind unverändert und gelten damals wie heute. Daher möchte ich Sie gern auf eine kleine Zeitreise mitnehmen, die vielleicht hilft, den ein oder anderen Zusammenhang besser zu verstehen und aufzeigt in welchem Verantwortungsbereich wir uns bewegen.

Im Jahr 1913 war Kaiser Wilhelm II noch das Staatsoberhaupt in Deutschland und im fernen Panama wurde der gleichnamige Kanal eröffnet – und der DVGW veröffentlichte erstmalig seine „Vorschriften für die Ausführung und Veränderung von Wasserleitungsanlagen (TVR Wasser)“. Im Vorwort der damaligen Richtlinien hieß es: „Die Ausführung und Veränderung von Wasserleitungsanlagen innerhalb der Gebäude und Grundstücke hat wiederholt zu Klagen Anlass gegeben, deren Beseitigung sowohl im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege als auch zum Schutze der Besteller gegen minderwertige Arbeit unbedingt erforderlich scheint.“

Im Jahr 1930 war es dann soweit und die erste DIN 1988 „Technische Vorschriften für Bau und Betrieb von Wasserversorgungsanlagen für Grundstücke“erschien. Zu dieser Zeit befand Sie sich in einer Parallelwelt zu den vorher beschriebenen DVGW-Vorschriften und erst bei der Überarbeitung im Jahr 1940 gelang es, beide Vorschriftenwerke in einer neuen DIN 1988 zu vereinigen. Inder GWF (83. Jahrgang 1940 Heft 38) findet sich Folgendes dazu:

„Der Stein kam ins Rollen dadurch, dass für diese Norm eine Überarbeitung erforderlich wurde, um der durch Rohstoffknappheit bedingten Notwendigkeit, sich auf heimische Werkstoffe umzustellen, nachzukommen. Diesem dringendsten Bedürfnis wurde zunächst durch die Herausgabe einer Umstellnorm, DIN 1988 U, entsprochen; zugleich wurde aber beschlossen, durch eine vollständige Umarbeitung der Norm die Übereinstimmung mit der TVR-Wasser wiederherzustellen und diese danach ganz verschwinden zu lassen und durch die DIN-Norm zu ersetzen, ihnen also dadurch allgemeine Anerkennung auch bei den Behörden zu verschaffen, die den TVR-Wasser bisher als privater Arbeit des Vereins versagt geblieben war.“

Bild 1 - Titelblatt der „Erstausgabe“ DIN 1988:1930-08

Kernaussage der ersten DIN 1988 war der §1:

„Für jedes bebaute Grundstück, das Wohn- oder Arbeitszwecken dient, ist gesundheitlich einwandfreies Wasser zu Genuss- und Wirtschaftszwecken so sicherzustellen, dass das Wasser in einer den örtlichen Verhältnissen entsprechenden Weise dauernd entnommen werden kann.“

Es dauerte dann weiter 15 Jahre bis im Jahr 1955 eine überarbeitete DIN 1988 erschien. In dieser Überarbeitung fällt auf, dass damals bereits die unkontrollierte Erwärmung des kalten Trinkwassers und Betriebsunterbrechungen im Fokus standen:

Dies sind Themenbereiche, welche auch heute (65 Jahre später!) noch heftig diskutiert und beraten werden.

Im Jahr 1962 wurde dann eine neue DIN 1988 präsentiert. Das Regelwerk bestand aus 14 Seiten und es wurde erstmals die häusliche Behandlung des Trinkwassers beschrieben:

Es dauerte danach 26 (!) Jahre bis im Jahr 1988 die überarbeitete DIN 1988 erschien. Es war jedoch nicht einfach eine Überarbeitung, sondern sowohl im Umfang als auch im Inhalt ein ganz neues Basis-Regelwerk. Die DIN 1988 bestand nun aus 8 Teilen und erstmals wurden die Betreiberpflichten im Regelwerk herausgestellt. Im Geleitwort zum gemeinsamen Kommentar von DIN und DVGW schrieb der damalige Vizepräsident des DVGW Prof. Naber:

„Mit dem Beschluss seines Vorstandes im Herbst 1973, einen Hauptausschuss „Wasserverwendung“ mit den ihm zugeordneten Fachausschüssen zu konstituieren, hat der DVGW klar zum Ausdruck gebracht, sich in Zukunft intensiver um das Gebiet der Trinkwasser-Installation zu kümmern. Der DVGW hat in die DIN 1988 (TRWI) 12 Arbeitsblätter eingebracht, so dass ein umfassendes Regelwerk geschaffen werden konnte.“

Im Jahre 1989 wurde auf europäischer Ebene das CEN/TC 164 „Wasserversorgung“ gegründet und damit auch der Weg der DIN 1988 nach Europa vorgezeichnet. Die dafür vorgesehene Arbeitsgruppe WG 2 nahm im September 1989 seine Arbeit auf. Nach einigen sprachlichen und kulturellen Schwierigkeiten einigte man sich im Jahr 1997 darauf die EN 806 unterteilt in fünf Teilen zu erarbeiten. Man einigte sich damals auf eine „Paketlösung“, die besagte das zunächst alle 5 Teile der europäischen Norm erarbeitet und nach Einspruchssitzungen verabschiedet werden mussten, bevor die nationale Norm geändert werden konnte. Das dieser Zeitraum dann bis in das Jahr 2012 dauern würde, war den Beteiligten damals sicherlich nicht bewusst. Seit 2012 haben wir nun die Situation das der Anwender beide Regelwerke also die DIN EN 806 und die DIN 1988 parallel lesen muss. Erst beide zusammen ergeben das Regelwerk für die Planung, die Errichtung und den Betrieb von Trinkwasser-Installationen in Deutschland. Daher mag es auch kaum verwundern, dass sich der zuständige Normenausschuss DIN NA 119-07-07 AA bereits frühzeitig damit beschäftigte die europäische Norm zu verbessern. Auf Basis des heutigen Wissens aller Beteiligten wurde bereits im Jahr 2018 der Antrag gestellt das europäische Regelwerk auf Basis der deutschen Vorschläge europäisch neu zu überarbeiten. Dieser Prozess wird diesmal (hoffentlich) nicht mehr 15 Jahre in Anspruch nehmen, wie bei der Erstellung der ersten DIN EN 806.

Aber auch bei der heutigen Überarbeitung bedarf es wieder des Konsenses aller beteiligten Gruppen in Deutschland. Diesmal ist die Ausgangssituation aber eine viel bessere, da zum einen durch den DIN-DVGW Fachausschuss Trinkwasser die nationalen Regelwerke abgeglichen und gemeinsam in die europäische Normung eingebracht werden können und zum anderen die Anwenderkreise der Fachplaner, Handwerker und Industrie sich auf ein Regelwerk geeinigt haben.

Ich freue mich daher als Obmann des nationalen und des europäischen Normensausschusses, diesen Prozess zu moderieren und voranzutreiben. Vielen Dank an dieser Stelle an alle ehrenamtlichen Mitstreiter, die versuchen die Regeln der Trinkwasser-Installation zu verbessern und für den Anwender verständlich zu machen…ohne das umfangreiche Fachwissen aller Beteiligten wäre diese Aufgabe nicht zu bewältigen.

Dipl.-Ing. Volker Meyer

Herr Dipl.-Ing. Volker Meyer ist Geschäftsführer der figawa e.V. (Bundesvereinigung der Firmen im Gas- und Wasserfach e.V.) in Köln.

In der Normung ist er in folgenden Gremien tätig:

2007 - 2014 Convenor des CEN/TC 164/WG 12 "Flexible Schläuche"

2013 - heute Convenor des CEN/TC 164/WG 2 "Trinkwasser-Installationen"

2009 - 2013 Mitglied von CEN/TC 164/WG 10 "Warmwasserbereiter"

2006 - 2012 Mitglied von CEN/TC 164/WG 8 "Sanitärarmaturen"

2006 - 2012 Mitglied von CEN/TC 164/WG 14 "Ventile"

2010 - heute Mitglied der AHG Wassersicherheit WG 14 (EN 1717)

2006 - heute Mitglied in mehreren nationalen Spiegelausschüssen des DIN

2006 - 2014 Sekretär mehrerer nationaler DVGW-Arbeitskreise für Trinkwasserinstallation

2008 - heute Mitglied der technischen Fachgruppe "Sanitärplanung" beim VDI (Verein Deutscher Ingenieure)

2017 - heute Convenor des deutschen Spiegelgremiums von CEN/TC 164 WG 2 "Trinkwasser-Installation"

2016 - heute Vorsitzender der Europäischen Trinkwasserinitiative (EDW)

2018 - heute Vizepräsident von Aqua Europa AISBL

2019 - heute Mitglied der Geschäftsführung DVGW CERT GmbH

Die figawa sponsert die NAW Festschrift Website. Wir bedanken uns dafür.