Geschichten aus dem

NAW

Erfahrungen eines "NAW-Internen"

Dipl.-Geologe Andreas Paetz

Erfahrungsbericht u. a. zur Erarbeitung der EN 1610, Einbau und Prüfung von Abwasserleitungen und -kanälen und DIN 19731, Bodenbeschaffenheit - Verwertung von Bodenmaterial

Was ist Ihre Lieblings-Norm?

In den mehr als 30 Jahren, in denen ich als hauptamtlicher Mitarbeiter von DIN im Wasserwesen tätig bin, gibt es nicht viele Normen und Standards, bei denen ich nicht irgendwie meine Finger im Spiel hatte. Dennoch sind es nur sehr wenige, die über die Zeit eine bleibende Erinnerung hinterlassen haben. Nicht, weil sie besonders wichtig wären, denn jede Norm sollte für einen bestimmten Zweck oder eine Interessensgruppe wichtig sein, ansonsten wäre sie überflüssig.

Da ich mich nicht für eine Norm entscheiden kann, sei es mir erlaubt, an dieser Stelle zwei für meine DIN-Sozialisierung herausragende Normen anzuführen, die darüber hinaus auch für die Allgemeinheit wichtig sind. Auch für Dich, lieber Leser!

EN 1610 oder Vom Herummurksen in der Normung

In dem aus der Fusion von CEN/TC 77 „Entwässerungssysteme (Gegenstände, Entwurfsregeln,Koordination)“ und CEN/TC 96 „Entwässerungsgegenstände außerhalb von Gebäuden“ im Jahr 1989 entstandenen CEN/TC 165 "Wastewater engineering (Abwassertechnik)" sollten neben den klassischen Produktnormen auch Normen für die Statik und Verlegung von Abwasserkanälen und -leitungen erarbeitet werden. Dass dies mindestens auf der europäischen Ebene eine Herausforderung sein würde war ja klar: während in Deutschland dazu bereits eine über die Jahre mehrfach überarbeitete und verbesserte DIN-Norm vorlag, flankiert von Arbeitsblättern der ATV (heute DWA), sah es mit wenigen Ausnahmen (Österreich, Schweiz, Vereinigtes Königreich) im restlichen Europa eher mau aus. Wohl gab es technische Regeln, zum Teil werkstoffspezifisch für bestimmte Produkte. Der Anspruch für EN 1610 sollte aber im Sinne von Alexandre Dumas sein: „Eine für alle!“ Und nicht nur, dass es um den fachgerechten Einbau von Rohrleitungen ging – die Rohrleitung sollte obendrein auch noch dicht sein! Affront. Allein die Mutmaßung, eine in Frankreich hergestellte Leitung könnte nicht per se dicht sein, löste turbulente Diskussionen aus. Dazu kamen Sticheleien der Vertreter der Kunststoffrohrindustrien in Richtung der Kollegen vom Stamme Beton, dass deren Produkte grundsätzlich nicht dicht wären, eher als Versickerrohre denn für die Verwendung zum Transport von Abwasser zu gebrauchen wären. Auch die anderen Produkte – Guss, Stahl, Steinzeug – bekamen ihr Fett weg. Jeder gegen Jeden.

Unser deutscher Convenor, der von mir sehr geschätzte Dr. Harald O. Howe, war nicht nur ein hervorragender und mit allen Wassern gewaschener Fachmann, der eine statische Berechnung mal eben aus dem Handgelenk machen konnte, er war auch ein brillanter Moderator, der mit Anekdoten, Bonmots, enormem Politik-, Geschichts-und Kulturwissen sowie rheinischem Humor die Gruppe durch Sinnkrisen und immer wieder ins Licht führte. Als sich zum Beispiel anlässlich einer Sitzung im Juni in München bei schwül-heißem Wetter nach wenigen Minuten Frankreich und das Vereinigte Königreich (bestehend aus englischen und schottischen Kollegen – schon das nicht einfach) unversöhnlich gegenüberstanden (8 Mann standen tatsächlich am Tisch) und skandierten, "... dass, wenn die jeweils andere Seite nicht sofort und überhaupt ..., dann würden sie den Raum verlassen!", schlug einmal mehr die Stunde von Dr. Howe. Vom Wuchs eher klein, aber unter anderem auch Chorsänger, befahl er mit lauter Stimme die Evakuierung des Raumes und den geordneten Abzug zu einem in der Nähe gelegenen Biergarten. Nach diversen Weißwürsten (1. Kulturschock für die Franzosen), Weißbieren (2. Kulturschock für die Franzosen) und Bretz'n (3. Kulturschock für die Franzosen) und gefühlten 3 Stunden verlief die daran anschließende Fortsetzung der Sitzung fast friedvoll und man versöhnte sich nach wenigen Augenblicken zu wesentlichen Streitpunkten. Fast wie in dem Abschlussbild eines jeden Asterix-Bands.

Es war die Übergangszeit zwischen weitgehend analoger Texterfassung, wenn man von den Segnungen elektrischer Schreibmaschinen und seltsamer Textcomputer absah, und dem Beginn der elektronischen Texterfassung und –bearbeitung. Dokumente wurden kopiert und per Post verschickt, als Gremienbetreuer hatte man kiloweise Ausdrucke dabei. Die Textbearbeitung in den Sitzungen fand auf Overheadfolien statt, mit vielen bunten Farben. Großer Luxus war die Einrichtung von Unterarbeitsgruppen, die den fachlichen Abgleich der drei Sprachfassungen mit großem Engagement erledigten. Es gab sogar eine Extragruppe für Deutschland, Österreich und die Schweiz (DACH). Undenkbar, dass die Übersetzung irgendwelchen Übersetzungsbüros überlassen werden könnte.

Dennoch gelingt auch so nicht jede Übersetzung einfach. Sprachen, Kulturen und technische Gepflogenheiten lassen sich eben nicht mal so einfach in jede andere Sprache 1:1 überführen. Stellen Sie sich einen Rohrgraben vor, wie Sie ihn aus Ihrem Alltag als Verkehrsteilnehmer kennen. Ein paar Meter tief, in der Mitte soll eine Rohrleitung bestehend aus mehreren einzelnen Rohren zusammengefügt werden. Rechts und links vom Rohr nicht so wahnsinnig viel Platz. Nach der Norm wäre so lange an der Lagekorrektur der Leitung zu arbeiten, bis die jeweiligen Rohrenden schlüssig zusammenpassen und das Gefälle der Rohrleitung – der Schwerkraft folgend – den Transport des Abwassers zur Kläranlage sicherstellen kann. Also gern mal das Rohr wieder anheben, neu ausrichten, ablassen, einbetten usw. usw. Was aber durchaus gängige Praxis war, ist zum Beispiel das Korrigieren der Lage durch die Baggerschaufel (heute ist das bestimmt gaaaanz anders). Hier mal drücken, dort mal stupsen. Aus großer Höhe – kein Problem. Und geht schnell. Im Baustellen-Fachenglisch nennt man das „local packing“, also das aufwandlose Mal-eben-irgendwie-Herummurksen. Nach längerem Denken einigten sich die deutschsprachigen Experten auf die Einführung des „Herummurksen“ in die deutsche Techniksprache. Insbesondere Vertreter von bauausführenden Firmen gaben zu verstehen, dass es dabei nichts falsch zu verstehen gab.

EN 1610 war nach guten 10 Jahren fertig, ist bisher einmal überarbeitet worden (wobei auch das Herummurksen auf der Strecke geblieben ist), und war und ist ein Verkaufsrenner.

DIN 19731 oder Wie ich den Kreislaufführerschein erfolgreich erworben habe

Mein Einstieg bei DIN begann mit dem Aufbau des nationalen Spiegelgremiums zu dem 1985 gegründeten ISO/TC 190 "Soil quality (Bodenbeschaffenheit)", das 1987 seine 1. Sitzung durchführen sollte. Die finanzielle Förderung der Normungsarbeiten durch das Umweltbundesamt zielte darauf ab, dass es ähnlich wie beim ISO/TC 147 "Water quality (Wasserbeschaffenheit)" gelingt, in den Folgejahren eine Reihe von international abgestimmten Normen für die Untersuchung von Böden zu erarbeiten, die dann auch als Referenzverfahren für die geplante Bundes-Bodenschutzverordnung geeignet sein sollten. Was dann kleckerweise auch gelang. Als die genannte Verordnung im Werden war, stellte sich heraus, dass es einen Bedarf gibt für eine nationale Norm, die insbesondere die fachtechnischen Anforderungen an die Verwertung von Bodenmaterial festlegt, welches bei Baumaßnahmen durch Aushub oder bei Maßnahmen der Gewässerunterhaltung als Baggergut anfällt. Die grundsätzlichen Forderungen der Kreislaufwirtschaft – Vermeidung, Verwertung, Beseitigung - waren dabei zu beachten, darüber hinaus war mindestens eine Bodenfunktion im Rahmen einer Verwertung zu verbessern, und überdies gilt ein grundsätzliches Verschlechterungsverbot.

Es war klar, dass diese Norm nur unter Berücksichtigung diverser interessierter Kreise zustande kommen konnte. Wobei uns der damalige Entwurf aber sowas von um die Ohren gehauen wurde, weil die Gruppe der desinteressierten Kreise enorm stark gewesen ist, zu denen u. A. der gesamte Tiefbau, der Bergbau, die Deutsche Bahn und die Recyclingwirtschaft gehörten, die alles versuchten, um die Norm zu verhindern. Nun muss man verstehen, dass es nicht die Norm an sich war, sondern die Gewissheit, dass die Norm als Bestandteil einer Rechtsverordnung der Hebel zum Aushebeln bestimmter bis dato etablierter Verwertungswege werden könnte. Kreislaufwirtschaft, ok, solange man ohne die eigenen Maximen ändern zu müssen im Kreise mitlaufen kann. Weil die Vertreter des Bundes deutlich machen konnten, dass eine konstruktive Mitwirkung in der Sache förderlicher sei, als es dem Gesetzgeber allein zu überlassen, entsprechende Anforderungen in der Rechtsverordnung im Detail festzulegen, konnte die Norm dann veröffentlicht werden. Aber alle Seiten mussten Federn lassen (Kompromisse finden).

Die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) ist im Jahr 1999 in Kraft getreten, mit der Referenzierung von DIN 19731:1998-05 in § 12 Anforderungen an das Aufbringen und Einbringen von Materialien auf oder in den Boden.

Während ich diese Zeilen schreibe, hat der Bundesrat am 6. November 2020 die Novelle der BBodSchV und die Ersatzbaustoffverordnung beschlossen, die inhaltlich bei der Verwertung von Bodenmaterial, Baggergut und Bauabbruchmaterial (in der Summe ist dies mengenmäßig der größte Abfallstrom in Deutschland) ineinander greifen. Beide Verordnungen treten erst 2Jahre nach Verkündung in Kraft. DIN 19731 gilt zunächst in der Fassung von 1998 weiter. Die Überarbeitung erfolgt bereits. Die fachlichen Normungsbaustellen im Zusammenhang mit der Ersatzbaustoffverordnung waren noch einmal ganz andere und konnten nach verschiedenen F&E-Verfahren in Höhe von etwa 30 Mio Euro abgeschlossen werden. Beide Verordnungen treten erst 2 Jahre nach Verkündung in Kraft.

Der Prozess der Novelle der BBodSchV sowie die fachliche Verknüpfung mit der neuen Ersatzbaustoffverordnung (zusammen als Mantelverordnung bezeichnet) benötigte etwa 15 Jahre. Die Auswirkungen auf damit verbundene Norm-Projekte waren vielfältig.

Gibt es eine Normungssitzung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist (z. B.spektakulärer Ort, Ausflug etc.)?

Mindestens vier kritische Flugreisen – einmal ein krasser Blitzeinschlag ins Heckruder, zweimal extreme Unwetter mit Schneesturm, einmal solche dicke Suppe, dass mit einem großen Flugzeug auf einem viel zu kleinen Flughafen notgelandet werden musste.

Mit 40° Fieber 1988 in Budapest die Minibar komplett leer getrunken. Wirklich alles. Sonst hätte ich die dicken Antibiotika-Bonbons, die ich mir vor der Abreise von Nachbarn geborgt hatte, nicht herunterbekommen.

Dann 2017 auf dem Höhepunkt des Konflikts zwischen den Kameraden Trump und Kim die Sitzung des ISO/TC 190 in Seoul, Südkorea. Immer den Reisepass in der Hand, Fünfmal schlecht geschlafen, eine Alarmsirene zur Mittagszeit, und die Mails eines britischen Kollegen, der ausgerechnet hat, dass Nordkorea in der Lage wäre, innerhalb einer Stunde etwa 20 000 Raketen oder was auch immer nach Seoul zu schießen. Da war gute Laune rar gesät. Nochmal gut gegangen.

Einmal in Tirol,Österreich, im falschen Tal angekommen. Den eigentlich zu erreichenden Ort gab es namensgleich auch im Tal nebenan. Nächster Tag, neues Glück!

Am letzten Tag im alten AFNOR-Gebäude in La Défense, Paris, Freitag, etwa 13 Uhr. Die Sitzungsräume gingen runter bis Etage -2. Klimatisierte Räume mit Kunstlicht. In den Räumen um uns herum wurden seit dem frühen Morgen bereits die Möbel herausgeschafft. Plötzlich Licht aus, Strom weg. Zappenduster. Zögerliche „Hello!“-Rufe verhallten antwortlos auf dem Gang. Mobiltelefon? HaHaHa! Möglicherweise war es nur dem glücklichen Zufall zu verdanken, dass ein Kollege von uns durch seine Tochter um 13 Uhr abgeholt werden sollte, und diese sich bei dem noch im Gebäude anwesenden Wachschutz nach uns erkundigt hat.

Haben Sie eine interessante Geschichte/Anekdote oder Erfahrung im Zusammenhang mit der Normungsarbeit?

Es sind oft die kleinen Wortwechsel, die Diskussionen usw. auflockern.

1) Herr Weiler, damals Vorsitzender des CEN/TC 165, trägt gerade vor. Herr Dr. Howe (s. o.) unterhält sich mit einem Nachbarn ein wenig zu laut. Herr Wunder, damals Sekretär CEN/TC 165, ermahnt Herrn Dr. Howe. Der sagt: „Lieber Herr Wunder, ich bin ganz Ohr!“. Darauf Wunder: „Leider auch ganz Mund!“

2) Prof. Norbert Caspers, Biologe, langjähriger Fachmann im Bereich Wasseruntersuchung, war (und ist es wohl auch im Ruhestand noch immer) ein Meister der Bonmots:

„In den 80er Jahren sind bei der Diskussion etablierte Männerfreundschaften in die Brüche gegangen (über ISO 5667-16)“

„Helfen sie mir mal bitte, ich war gerade schon in meiner Zukunft!“

„Hier sind primär kulinarische Interessen der Franzosen zu vermuten (Japanese oyster)“

„Die Flussperlmuschel ist arm dran; keine Augen, kein Mund, und der Darm geht mitten durchs Herz.“

„COD? – Reden Sie von der Demokratischen Republik Congo?“

Für die Zukunft:

Man kann alles normen oder standardisieren, muss man aber nicht.

Die größte Aufgabe des NAW für die Zukunft ist im Wesentlichen dieselbe der zurückliegenden Jahrzehnte: Unser Beitrag zur Sicherstellung der täglichen Wasserversorgung und der Abwasserbeseitigung für mehr als 80 Mio Einwohner, für alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche in Deutschland, und im Konzert mit den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Wenn es darüber hinaus gelingt, dass dieselben Normen und Standards in anderen Staaten, z. B. in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union, nicht nur (zwangsläufig oderfreiwillig) übernommen werden, sondern auch zum Nutzen der Allgemeinheit angewendet werden, dann erreichen wir schon sehr viel.

Unser Beitrag zur Internationalen Normung (ISO) ist zwar meist engagiert, aber wie wirkmächtig die so entstandenen Normen insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern sind, dazu gibt es kaum verlässliche Aussagen.

Die Digitalisierung wird in viele Bereiche der Wasserwirtschaft i. w. S. Einzug nehmen, falls sie das nicht bereits getan hat. Sie kann aber nur ein weiteres Instrument sein. Im Notfall muss es immer noch möglich bleiben, einen Schieber im Leitungssystem manuell zu bedienen.

In dichterer Folge werden Themen und Ideen heute über Social Media gehypt. Eine kritische Prüfung wird oft nicht verstanden. Wenn aber etwas einmal gut funktioniert hat, muss es noch lange nicht tausendmal gut funktionieren. Aufpassen, dass man sich am Zaubertrank nicht verschluckt!

 

 

Andreas Paetz

Andreas Paetz ist Teamkoordinator im DIN-Normenausschuss Wasserwesen. Er arbeitet seit April 1987 im DIN-Normenausschuss Wasserwesen (NAW).

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