Geschichten aus dem

NAW

Eine Anekdote aus dem Jahre 1999

Dipl.-Ing. Hans Wunder (a. D.)

Brief eines Ehrenamtlichen an Herrn Wunder "Ein Erlebnis am Rande der Normung"

Brief eines Ehrenamtlichen an Herrn Dipl.-Ing. Hans Wunder (a.D.), NAW-Geschäftsführer von Juli 1969 bis März 1999

(Anm. der Redaktion: 1999 war noch die alte Rechtschreibung gültig)

Ein Erlebnis am Rande der Normung

Lieber Herr Wunder,

wenn man bedenkt, daß ich ca. drei Jahrzehnte Ihr Weggefährte bei Arbeiten in zahlreichen Fachausschüssen im In- und Ausland war, liegt es auf der Hand, daß man sich neben der fachlichen Arbeit in der Normung auch menschlich zusammengefunden, kennengelernt und gut verstanden hat.

Sie haben es als Geschäftsführer im DIN verstanden, daß die Mitarbeiter der Ausschüsse sich je nach ihren individuellen fachlichen sowie menschlichen Veranlagungen mit Freude an der Arbeit einsetzen konnten. Nur zu gerne fuhr ich nach Berlin oder zu den Tagungsorten Ihres Geschäftsbereiches. Für diese Zeit der überaus guten Partnerschaft möchte ich mich am Ende auch Ihres Berufslebens nochmals herzlichst bedanken.

Die lange Zeit unseres Zusammenseins würde es ermöglichen viele gemeinsame Begebenheiten darzustellen. Aber auf ein zunächst nicht erfreuliches, jedoch am Schluß noch gut endendes Erlebnis möchte ich nachfolgend näher eingehen.

 „Hotelbrand“ im Polygon – Hotel in Southampton - Sitzung CEN/TK 77/AG 1 am 25./26. September 1979

Es war mitten in der Nacht, die Delegierten der europäischen Länder hatten tagsüber den Geist sehr strapaziert und sich zur Ruhe begeben, befanden sich also im wohlverdienten ersten tiefen Schlaf ! Plötzlich ertönte im Zimmerlautsprecher schrillend das Signal: fire – fire - … mehrmals hintereinander und zusätzliches Sirenengeheul mit der dringenden Aufforderung sofort die Zimmer zu verlassen.

Torkelnd auf schwankenden Beinen und mehr oder weniger kopflos sprangen meine Frau und ich aus den Betten und riefen uns zu, wie und was wohl zu retten sei. Ohne Antworten abzuwarten tat jeder das Seinige. Im Fluchtergreifen war ich schneller, griff mit ausgestreckten Armen in den Kleiderschrank, nahm ein Bündel voll Garderobe mit den Kleiderbügeln und rannte im Schlafanzug die Treppe „downstairs“ aus dem 2. Stock. Meine Frau hatte ich wohl ganz vergessen! Sie hatte jedoch schnell den Koffer mit allen möglichen Utensilien vollgestopft und brauchte deshalb etwas mehr Zeit als ich hektisch Flüchtender.

Auf der Treppe in Eile nach oben hetzend auf dem Weg zu seinem Zimmer kam mir Herr Wunder entgegen. Und rief mir erregt zu (obwohl ich das bis dahin nicht von ihm kannte): „Herr Nassois, die Akten, die Akten“. Ich entgegnete in größter Aufregung: „Sch… auf die Akten, wir müssen hier raus!“ Herr Wunder ließ sich jedoch nicht beirren auf seinem Weg nach oben entgegen der Fluchtrichtung. Er traf dort noch meine Frau, schwer beladen mit offen stehenden Kofferdeckeln unter dem Arm. Sofort disponierte er mit klarem Kopf vom Akten- zum Menschen- und Inventarretter um und kam mit ihr Hilfe leistend nach unten.

Nicht faßbar aber wahr, mein Weg führte – gelenkt vom Hotelpersonal – nur mit Schlafanzug bekleidet und dem Arm voller Kleidung beladen, direkt in einen großen Tanzsaal. Sofort waren ich und die anderen „Flüchtlinge“ einem großen Gelächter ausgesetzt, in Anbetracht der Tatsache, daß gerade wieder Entwarnung gegeben wurde. Manche glaubten jedoch den Geruch von Rauch zu vernehmen. Nach dieser Aufregung gingen wir – dankbar über den noch guten Ausgang – in unsere Zimmer, räumten die Kleidung und alles andere wieder ein bzw. aus und legten uns mit klopfenden Herzen schlafen.

Es dauerte keine halbe Stunde und die Feuerwarnung ertönte abermals in den Zimmerlautsprechern. Erneut erfolgte eine Flucht aus allen Zimmern, die ganze Zeremonie wiederholte sich mit demselben Ergebnis.

Doch damit nicht genug, es gab noch eine dritte und vierte Warnung, jedoch ohne daß sich diesmal die Gemüter nennenswert erregten. Wir blieben einfach – die Ohren spitzend – im Bett, verfolgten vom Fenster aus die Tätigkeiten der Feuerwehr oder die Menschenenbewegungen auf der Innentreppe des Hauses. Eine gewisse Ruhe, wenigstens für die deutschen Delegierten, stellte sich erst ein als Mr. Hardy, Leiter der britischen Delegation, als Gastgeber von der Hotelleitung angefordert wurde und sich große Mühe gab, die unterschiedliche Sprachen sprechenden Gemüter zu beruhigen.

Soweit, so gut, alles wurde mit einiger Aufregung überstanden und kostete lediglich eine schlaflose Nacht. Jeder hatte auf seine Art in diesem großen Hotel, je nach Örtlichkeit in der Zimmerbelegung, die Bekanntgabe des Hotelbrandes erlebt. So erfuhren wir am nächsten Tag, daß sich z. B. unser „Chairman“ noch in derselben Nacht nach der zweiten „fire-Warnung“ mit seiner Frau über die Feuerleiter in Sicherheit gebracht hatte.

Der „Hotelbrand“ in England machte deutlich, daß Herr Wunder nicht nur ein bekannt guter Theoretiker ist, sondern auch in einer Notlage einen kühlen Kopf bewahrt, die Realitäten richtig erkennt und die Wichtigkeiten unterscheidet.

Dipl.-Ing. Hans Wunder

Herr Wunder war von 1969 - 1999 Geschäftsführer des Normenausschusses Wasserwesen

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