Geschichten aus dem

NAW

Umfrage & Lieblingsnorm DIN 19700

Dr.-Ing. Hans-Ulrich Sieber

DIN 19700-Reihe, Stauanlagen

Was ist Ihre Lieblings-Norm

Zu meinen Lieblingsnormen zählen diejenigen der Normenreihe DIN 19700 "Stauanlagen" Ausgabe 2004.

Was verbindet Sie mit dieser Norm?

An dieser Normenreihe habe ich seinerzeit federführend mitgewirkt. Für den Teil 10 "Allgemeine Festlegungen" war ich Vize-Obmann und der Teil 11 "Talsperren" wurde unter meiner Leitung erstellt. Bei den anderen Teilen 12 bis 15 habe ich von Zeit zu Zeit ebenfalls mitgeholfen. Während meiner beruflichen Tätigkeit bei der sächsischen Landestalsperrenverwaltung haben mich die Umsetzung der Regelungen der DIN 19700 stets begleitet und mein Handeln mitbestimmt.

Was gefällt Ihnen an dieser Norm besonders gut?

Die Stauanlagen-Norm ist mit ihren sechs Normteilen für die unterschiedlichen Arten von Stauanlagen ein sehr komplexes Regelwerk. Ihr Inhalt ist fachgebietsübergreifend, in hohem Maße umweltrelevant und infrastrukturell bedeutend. Stauanlagen besitzen eine extrem lange Lebensdauer, so dass an die Qualität und Nachhaltigkeit der entsprechenden normativen Regelungen besonders hohe Anforderungen gestellt sind.  

Wie lange sind Sie schon in der Normung dabei?

Meine Mitarbeit an der Stauanlagen-Norm begann mit ersten Vorabstimmungen, damals noch mit dem NAW-Chef Herrn Wunder, bereits Anfang der 1990er Jahre kurz nach der deutschen Wiedervereinigung. Die anschließende Umsetzung der 2004 veröffentlichten Norm in der Praxis durfte ich in Seminaren und Workshops begleiten. Im Übrigen war ich mit Regelwerksarbeit schon in der ehemaligen DDR beschäftigt. Die dort geltende Talsperren-Norm TGL 21239 (eine aus mehreren "Blättern" bestehende und unvollendete Normenreihe) war in die Jahre gekommen, insbesondere die Blätter 1 "Allgemeine Grundsätze" (1965), 2 "Gewichtsstaumauern" (1968) und 3 "Staudämme" (1969). Es war eine meiner ersten Aufgaben als junger Wasserbauingenieur deren Überarbeitungsbedarf zu er- und begründen sowie Vorschläge für eine Weiterentwicklung zu unterbreiten. Zwar wurden danach drei neue Normen zu Spezialthemen unter Beachtung dieser Vorschläge erarbeitet, eine Überarbeitung der vorgenannten Normblätter 1 bis 3 erfolgte bis 1990 jedoch nicht.

Gibt es eine Normungssitzung, die Ihnenbesonders in Erinnerung geblieben ist (z. B. spektakulärer Ort, Ausflug etc.)?

Die konkrete Überarbeitung der Normenreihe DIN 19700 "Stauanlagen" begann 1997/98und erstreckte sich bis zur Herausgabe der Normteile 10 bis 15 im Juli 2004 über die recht lange Zeit von mehr als sechs Jahren. In den sechs Arbeits- und Unterausschüssen fanden in dieser Zeit ungezählte Sitzungen statt. Nachdem ursprünglich von dem Einen oder Anderen von einer mehr oder weniger redaktionellen Anpassung der Normen ausgegangen worden war, entpuppte sich der Überarbeitungsbedarf dann bei tieferer Befassung mit den einzelnen Themen doch als recht umfangreich. So entstand letztlich eine grundlegend überarbeitete Normenreihe im Ergebnis intensiver Arbeit. Aufgrund der zeitgleichen Befassung mit den verschiedenen Normteilen entstand naturgemäß auch ein hoher Harmonisierungsbedarf. Soweit ich mich erinnern kann, waren alle Gremiensitzungen von Konstruktivität, Zielstrebigkeit und gegenseitigem Respekt, ja kameradschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Hervorzuheben ist die vollkommen gleichberechtigte Mitarbeit der Stauanlagenfachleute aus West und Ost und die Anerkennung, die das hohe ostdeutsche Know How auf dem Gebiet des Talsperrenwesens genossen hat.Auch wenn damit keine einzelne Sitzung besonders hervorgehoben wird, so möchte ich dieses Faktum hier gerne erwähnen - zumal heute oftmals die Erfolge der deutschen Wiedervereinigung in Frage gestellt werden.

Haben Sie eine interessanteGeschichte/Anekdote oder Erfahrung im Zusammenhang mit der Normungsarbeit?

Die Überarbeitung der Normenreihe DIN 19700 "Stauanlagen" in den Jahren 1998 bis 2004 ist meiner Ansicht nach ein sehr gutes Beispiel für die Zusammenführung  von west- und ostdeutschem Fachwissen und von Erfahrungen auf einem technischen Fachgebiet nach der Wiedervereinigung 1990. Bereits am 20.12.1990 fand im DIN-NAW (damaliger Geschäftsführer Dipl.-Ing. Wunder) eine Beratung zu Fragen des Übergangs von TGL auf DIN im Wasserbau, insbesondere auf dem Gebiet Talsperren, statt.

Vor allem die damalige, 1990 neu gegründete DVWK-Landesgruppe Südost (damaliger Vorsitzender Dr.-Ing. Jäger), die 1991 gebildete Landestalsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen (damaliger Leiter Dipl.-Ing. Glasebach) und ab 1992 dann in fachlich kompetenter Zuständigkeit der DVWK-Fachausschuss "Talsperren" (damaliger Obmann Prof. Strobl) trieben - unterstützt von vielen weiteren Akteuren - das Projekt einer Zusammenführung der deutschen Talsperren-Normen voran. Im April 1996 beschloss dieser Fachausschuss dann beim DIN-NAW Antrag auf Überarbeitung der DIN 19700 "Stauanlagen" zu stellen. Der Prozess der danach folgenden gemeinsamen, von jeglichen rivalisierenden Bestrebungen freien und intensiven Arbeit an der Neufassung der Normenreihe DIN 19700 förderte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Talsperrenfachleute in Ost und West. Heute sprechen wir von einer"Talsperren-Family" in Deutschland, die einen engen fachlichen Austausch pflegt und sich zum Beispiel bei den Deutschen Talsperrensymposien aller drei Jahre zusammenfindet.

Was schätzen Sie besonders an derZusammenarbeit mit den DINern des NAW und was wollten Sie diesen schon immermal mitteilen?

Inzwischen bin ich im Ruhestand und in die Zusammenarbeit mit dem DIN-NAW nicht mehr aktiv eingebunden. In meiner aktiven Zeit war diese Zusammenarbeit immer angenehm und ergebnisorientiert.

Was mich im Kontext zur Normung u. a. bewegt ist das starre Konzept der Aktualitätsüberprüfung aller 5 Jahre. Es gibt Normen, die aufgrund ihres Regelungsgehaltes sehr langlebig sind und auch inhaltlich weniger schnellen Veränderungen unterliegen. Die Stauanlagen-Norm gehört dazu. Hier sollte eine flexiblere Herangehensweise erwogen werden. Übrigens hat allein die damalige Überarbeitung der o.g. Norm ja schon länger als 5 Jahre gedauert.

Was glauben Sie wird in der Zukunft die größte Herausforderung für den NAW sein?

Da sehe ich vor allem zwei Dinge. Zum Einen verlangt der EU-Markt eine weitergehende Harmonisierung auch der technischen Normen und Standards. Dabei sollte nicht nach dem Prinzip des "kleinsten gemeinsamen Nenners" vorgegangen werden und es sollten praktikable, nutzer- bzw. anwenderfreundliche Lösungen angestrebt werden. Verschiedene Normen im Bauwesen (z. B. EC 7) sind übrigens kein gutes Beispiel dafür. Eine zweite Herausforderung wird die Finanzierung der Normungsarbeit sein, insbesondere wenn es um Normen geht, die überwiegend im öffentlichen Interesse und weniger im Interesse kommerzieller Erzeuger oder Anbieter liegen. Dazu zählt sicherlich auch die Stauanlagen-Norm DIN 19700, die nun nach über 16 Jahren Bestand wieder überarbeitet werden müsste und wofür u. a.bei der LAWA ein offenes Ohr bzw. eine offene Hand gesucht werden sollte.

 

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