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NAW

"Mein Weg in die Normungsarbeit" - Mitarbeit zur Überarbeitung der DIN 19657

Dipl-Ing. Sven Wennekamp

Herr Wennekamp beschreibt sehr humorvoll seinen Weg in die Normungsarbeit und seine Mitarbeit an der DIN 19657.

Mein Weg in die Normungsarbeit - oder ein selbstgemachtes Problem mit Augenzwinkern

Mitarbeit zur Überarbeitung der DIN 19657

  

Man stelle sich vor, man macht sich Arbeit und hat anschließend noch mehr davon. Hört sich nicht klug an, wiederholt sich aber wahrscheinlich immer wieder. Dieser erste Satz beschreibt kurz und knapp meinen Weg in die Normungsarbeit. Was einige Freunde und Kollegen nicht verstehen: Es macht sogar Freude und ermöglicht Einblicke in Prozesse, die einem sonst verschlossen bleiben, wenn man nicht selber die Initiative ergreift.

 

Aber gestatten sie mir, dass ich zum Anfang zurückspringe: In meinem Studium sah ich die Normen als Zwänge, bei denen ich mich oft gefragt habe, warum so viel geregelt wer­den muss. Kaum in der Berufswelt der Wasserbauingenieure angekommen, war ich froh, dass Vieles beschrieben war, was sonst zu Konflikten führen kann. Auch die rasche Einsicht, dass ich mich abweichend einer Norm bewegen darf, erschloss sich mir in dem Bewusstsein, dass derartige Situationen dann auch rechtzeitig und fair mit den potentiellen Vertragspartnern kommuniziert werden müssen. Über 15 Jahre habe ich so im Wasserbau meine Maßnahmen abgewickelt. Verträge und Baustellen kamen und gingen. Viele haben Freude bereitet, einige weniger (aus denen durfte man besonders viel lernen).

 

Auch ehrenamtlich bin ich meinem Beruf und meiner Arbeit sehr verbunden. Aktiv im Ingenieurverband Wasserstraßen- und Schifffahrtverwaltung e.V. versuche ich das Motto "Tue Gutes und spreche darüber!" zu leben. Hier geben wir dem Bereich des Verkehrswasserbaus eine Plattform des Austausches und der Fortbildung. Nur zu oft habe ich fest­ gestellt, dass im technischen Bereich gute Arbeit geleistet wird, ohne die Erfahrungen - gute wie auch schlechte - an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben.

 

Durch einen Beitrag, den ich zusammen mit Kollegen der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) in der Verbandszeitschrift des IWSV „DER INGENIEUR" März 2015 veröffentlicht habe, wurde dann etwas unbewusst angeschoben, von dem ich bis dahin keine Vorstellung hatte. In dem genannten Beitrag ging es um die Erstellung des Unterhaltungsplanes für die Lesum und die Wümmemündung, in Verbindung mit der Planung und dem Bau von Versuch­strecken mit technisch-biologischen Ufersicherungen. Nach der Veröffentlichung wurde ich angesprochen, ob ich an der Überarbeitung der DIN 19657 mitwirken möchte.

 

Mein erster fokussierter und umfänglicher Blick auf die DIN 19657 vom September 1973 war zum Teil ernüchternd (wie konnte man nur) bis erfreulich (sehr der Zeit voraus). Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der DIN 19657 war ich gerade mal zwei Jahre alt. Aber auch diese 42-Jahre gültige Normung war, was ich später feststellen durfte, ein hart erarbeiteter Kompromiss aus technischen Möglichkeiten, wirtschaftlichen Wünschen und gesellschaftlichen Ansichten. Nichts steht allein für sich und Abhängigkeiten sind variabel, verzwickt oder sogar beides.

 

Vielleicht ist es aber gerade das, was die Arbeit an Normen, das DIN und somit auch die
70 Jahre Erfahrung des NAW ausmacht. Oft habe ich das Gefühl, dass gesellschaftlich der Blick in eine Richtung ausgerichtet ist. Entweder nach vorne, um immer höher, schneller und weiter voranzukommen oder nach hinten, um verklärt der guten alten Zeit nachzutrauern. Aber gerade der absichtliche Blick in beide Richtungen lässt aus Erfahrungen lernen und die Zukunft gestalten. Nicht zu vergessen das hier und heute, um die Anbindung an die Realität nicht zu verlieren und somit den Stand der Technik mitzunehmen.

 

Bei der ersten und somit konstituierenden Sitzung in Berlin am 4. September 2015 beim DIN am DIN-Platz war es et­was befremdlich. Ein neues Aufgabenfeld, keine bekannten Gesichter und keine Ahnung, was genau auf einen zu­kommt. Zudem die erste forsche Ansprache von Herrn Gunnar Zeisler, der mit klaren Worten die Spielregeln dar­stellte. Wie ich schnell merkte, waren aber einige der An­wesenden keine DIN-Neulinge und kannten sich mit den Abläufen bereits gut aus. Und dann ging alles auch strukturiert sehr schnell, so dass der Obmann und die stellvertretende Obfrau gefunden wurden. Ach ja, und ich war auf einmal einer von drei Teamleitern (ich lerne es einfach nicht...).

 

Was mich an der Normungsarbeit fasziniert, ist die Kompromiss-­ und Konsensfähigkeit der Arbeitsgruppenmitglieder. Jede und jeder hat seine eigenen Erfahrungen und natürlich auch Vorstellungen zu bestimmten Passagen der Norm. Gleich­bedeutend aber auch, dass die konstruktive und zuzeiten auch langwierige Detailarbeit nichts für Selbstdarsteller und Egozentriker mit narzisstischen Zügen ist. Nach meiner Überzeugung kann es keine Norm geben, bei der einzelne Personen oder Gruppen zu 100 % zufrieden sind. Das wäre gleichbedeutend, dass andere auf der Verliererseite stehen und das wäre sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich fatal.

Beeindruckt bin ich immer von der zielgerichteten Arbeit der Projektmanager und Projektmanagerinnen der Geschäftsstelle des NAW. Mit sanftem Druck und immer den Fortschritt der aktuellen Bearbeitung im Blick führen sie durch die oft auch langen Sitzungstage.

 

Zurückblickend muss ich sagen, dass mir bereits zu Studienzeiten ein besserer Zugang zur Normung bereits sehr geholfen hätte, viele notwendige Abläufe besser einzuordnen. Natürlich kann in einem immer mehr komprimierten Studium nicht alles untergebracht werden, schon gar nicht die Erfahrung, die man sich selber erarbeiten muss. Aber ein erster Einblick hätte mit Sicherheit nicht geschadet.

 

Auch muss ich feststellen, dass ich jetzt anders, mal vor­sichtiger, mal fordernder mit den Normungen sowohl im Berufs- aber auch im Privatleben umgehe.

 

Um den Kreis zu schließen, möchte ich Folgendes behaupten: Ich kann froh sein, dass ich mit meiner Arbeit und meinem fachlichen Beitrag in der IWSV-Veröffentlichung die Chance erhalten habe, die Arbeit im Normungswesen kennengelernt zu haben. Ich kann nur jeder und jedem empfehlen, der die notwendige Voraussetzung zur Zusammenarbeit mitbringt, sich mit seinem Wissen einzubringen. Normung heißt für mich partnerschaftliche Zusammenarbeit, bei der es auch mal kontrovers zugehen darf. Es gilt, das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren und mit Geduld und Disziplin am Erfolg zu arbeiten. Wenn auf diese Weise aus Arbeit noch mehr Arbeit wird, ist es gut. Auch wenn es meine Freunde und Kollegen nicht verstehen werden.

 

Ihr Sven Wennekamp

 

PS: Vielen lieben Dank an alle Arbeitsgruppenmitglieder, Projektmanagerinnen und Projektmanager, die es mir er­möglichen, in fachlichem und vertrauensvollem Austausch meine Erfahrungen zu erweitern und weitergeben zu dürfen.

Dipl.-Ing. Sven Wennekamp

Herr Dipl.-Ing. Sven Wennekamp studierte an der damaligen Fachhochschule Oldenburg Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Wasserbau. Er arbeitete nach seiner Anwärterzeit beim WSA Wilhelmshaven von 2000 bis 2010 im Marinesachbereich und wickelte als Sachbearbeiter Neubau- und Instandsetzungsprojekte ab. Seit 2010 leitet er den Außenbezirk Farge des WSA Weser-Jade-Nordsee.

In der Normungsarbeit ist er seit 2015 bei der Überarbeitung der DIN 19657 "Sicherung von Gewässern, Deichen und Küstendünen" tätig, die der Normenausschuss Wasserwesen (NAW) im DIN aktuell überarbeiten lässt.

Seine Dozententätigkeit beim Aus- und Fortbildungszentrum der WSV (AFZ) konzentriert sich seit 2016 auf das Thema Gehölzsiedlung und Unterhaltung der Vegetation an der Bundeswasserstraßen.

Seit 2019 hat er, neben dem Vorsitz der IWSV-Bezirksgruppe Nordwest (seit 2009), auch die Funktion des stellvertretenden IWSV-Bundesvorsitzenden übernommen.

Privat kümmert er sich u. a. um den Schutz und die Förderung der Steinkauz-Population (Athene noctua) im Landkreis Oldenburg.

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