Siebzig JAhre

NAW

1917

1950

1964

1971

1985

1989

1992

1993

1997

2011

2014

2017

2018

1985

ISO/TC 190 „Bodenbeschaffenheit“ – Eine Bestandsaufnahme

Historie

In der Werbung für den VW-Käfer hieß es früher: „Er läuft und läuft und läuft“. In gewisser Weise lässt sich dies auch für das ISO/TC 190 „Bodenbeschaffenheit“ sagen. Gegründet wurde es 1985, die erste Sitzung fand 1986 in Den Haag, Niederlande statt. Seit dieser Zeit erfolgt jährlich ein Treffen aller Arbeitsgruppen, Unterkomitees und des Technischen Komitees, ausgerichtet weltweit in einem der Mitgliedsländer.

Die Umweltbereiche Luft und Wasser fanden schon länger große Beachtung. Die entsprechenden Komitees ISO/TC 146 „Luftbeschaffenheit“ sowie ISO/TC 147 „Wasserbeschaffenheit“ waren beide im Jahre 1971 gegründet worden. Die Bedeutung des Schutzes von Böden wurde allerdings zunächst unterschätzt, weil dieser sehr viel langsamer auf negative Einflüsse wie den Eintrag von Schadstoffen reagiert als beispielsweise Wasser. Böden können größere Mengen akkumulieren, ohne dass sich dies bemerkbar macht. Bei Wasser, vor allem, wenn man es als Trinkwasser nutzt, werden Schadstoffe aufgrund der höheren Mobilität deutlich schneller sicht- und messbar, und schädliche Veränderungen können unmittelbar über die Verschlechterung der Gesundheit von Verbrauchern erkennbar werden.

Mitte der 1980er Jahre änderte sich auch die Haltung zum Bodenschutz. Daher wurden die Tätigkeiten des DIN und die Übernahme der Sekretariate von für Deutschland relevante Unterkomitees und Arbeitsgruppen des ISO/TC 190 durch das damalige Bundesinnenministerium (BMI) finanziell gefördert. Fachlich lag und liegen die Aufsicht und die administrative Abwicklung der finanziellen Förderung beim Umweltbundesamt (UBA), das dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) zugeordnet ist.

Damals wurde entschieden, keine nationale Normung zu Belangen des Bodenschutzes zu beginnen, sondern aktiv im ISO/TC 190 mitzuarbeiten und ausgewählte Normen anschließend ins nationale Regelwerk als DIN-ISO-Normen zu überführen. Mit dem Auftrag, für den Vollzug des Bodenschutzes in Deutschland geeignete Normen zu erarbeiten, wurde es im Laufe der Zeit jedoch erforderlich, auch reine DIN-Normen zu speziellen Aspekten zu erarbeiten.

Normen und Gesetze

Umweltpolitisch haben Normen, in Deutschland DIN-Normen, eine große Bedeutung. Im Dezember 2019 hat der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags eine Schrift mit dem Titel „DIN-Normen und Rechtsetzung“ [1] veröffentlicht. Darin wird ausgeführt, dass die Anwendung von DIN-Normen in der Regel freiwillig und nicht zwingend vorgeschrieben ist. Weiter heißt es: DIN Normen können jedoch dann eine rechtliche Bedeutung erlangen, wenn in Rechtsnormen oder Verwaltungsvorschriften durch Verweisung auf sie Bezug genommen wird. Besonders im Ordnungsrecht, wie beispielsweise im Umweltschutzrecht, werde der Gesetzgeber durch Verweisung und Bezugnahme auf DIN-Normen entlastet, weil er keine rechtlich-technischen Detailregelungen erlassen und diese gegebenenfalls dem Stand der Technik anpassen müsse. Konkret heißt dies beispielsweise, dass mit dem Inkrafttreten der Bundesbodenschutz- und Altlasten-Verordnung (BBodSchV) im Jahre 1999  17 Normen bzw. Entwürfe des ISO/TC 190, die als DIN-ISO-Normen veröffentlicht wurden, durch Verweisung Bestandteile des untergesetzlichen Regelwerkes geworden sind. Zur Zeit wird politisch über eine Neufassung der BBodSchV sowie die erste Fassung der Ersatzbaustoffverordnung (EBV) beraten, in denen die aktuellen deutschen Fassungen der Normen des ISO/TC 190 zitiert werden.

 

Normen und Struktur des ISO/TC 190

Die Zahl der aktiv mitarbeitenden Staaten beträgt 25, wobei der Schwerpunkt auf den europäischen Staaten liegt, 32 weitere Staaten haben Beobachterstatus.

In den 35 Jahren seines Bestehens hat das ISO/TC 190 eine Vielzahl von Normen erarbeitet. Stand Mai 2020 gehören 187 Normen und 22 Normentwürfe zum Portfolio des Technischen Komitees. Wie im vorherigen Abschnitt ausgeführt, hat sich der Stand der Technik geändert, so dass viele Normen der ersten Jahre überarbeitet werden mussten, teilweise sind bereits 3. Auflagen einer Norm erschienen und die nächste Überarbeitung steht kurz bevor. Ein Beispiel ist ISO 22155 [2], deren drei Ausgaben 2005, 2011 und 2016 erschienen sind.

Schwerpunkt der anfänglichen Arbeiten des TCs, also bis etwa Ende der 1990er Jahre, waren neben der Bestimmung von physikalischen Parametern wie dem pH-Wert, der Leitfähigkeit, der Trockenmasse oder dem Glühverlust vor allem die Analyse von Schadstoffen. Priorität hatten die aus toxikologischer Sicht bedeutendsten Elemente wie Arsen, Blei, Cadmium, Chrom, Kupfer, Nickel, Quecksilber, Thallium und Zink sowie organische Schadstoffgruppen wie die polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), polychlorierte Biphenyle (PCB) und Mineralölkohlenwasserstoffe (MKW). Diesen Anforderungen entsprechend waren die analytischen Arbeitsgruppen zahlenmäßig am stärksten vertreten.

Das änderte sich mit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Es wird zwar weiterhin gefragt, wie hoch Konzentrationen von z. B. Schwermetallen im Boden sind. Mehr und mehr rückten komplexe wirkungsrelevante Fragen in den Vordergrund, z. B. wie wirkt eine bestimmte Schwermetallkonzentration auf die zu betrachtenden Schutzgüter (Grundwasser, Pflanze, Mensch), und welche Übertragungspfade gibt es? Zur Beantwortung dieser Fragen mussten neue Methodenansätze entwickelt werden und neue Experten gewonnen werden. Die Einbeziehung von Fachkollegen aus den Bereichen Biologie, Ökotoxikologie und Mikrobiologie war und ist dabei unverzichtbar. Seit mehreren Jahren ist  nun der Klimawandel immer weiter in den Fokus gerückt. Auch darauf musste das ISO/TC 190 reagieren und entsprechende bodenbezogene Normen entwickeln [3].

Diese Verschiebung der Schwerpunkte zog auch eine Änderung der Organisationsstruktur nach sich. Die Möglichkeit zur schnelleren Erarbeitung von Standards und Anpassung der Arbeitsgruppen an die künftig immer häufiger auftretende horizontal/fachlich übergreifende Bearbeitung waren nur zwei der zu beachtenden Punkte. Nach langer Diskussion wurde 2017 beschlossen, die Struktur den neuen Gegebenheiten wie in der nachfolgenden Tabelle aufgelistet anzupassen. Zwei Unterkomitees wurden aufgelöst und aus 20 Arbeitsgruppen wurden 14.

Positive Effekte der Umstrukturierung ließen sich bereits in der Sitzungsorganisation feststellen, z. B. die Straffung der Sitzungswoche von fünf auf vier Tage.

Des Weiteren legten 2017 die Niederlande (NEN) nach 32 Jahren den Vorsitz und das Sekretariat des ISO/TC 190 nieder und Deutschland konnte nach erfolgreicher Bewerbung Anfang 2018 das Sekretariat und den Vorsitz übernehmen.

Aktuell sieht die Struktur des ISO/TC 190 wie folgt aus:

 

Europäische und internationale Normung

Anfang der 1990er Jahre wurden auf europäischer Ebene die Technischen Komitees CEN/TC 292 „Abfallcharakterisierung“, CEN/TC 308 „ Charakterisierung von Schlamm“ und CEN/TC 345 „Charakterisierung von Böden“ gegründet. Diese sektorale Ausrichtung war zur schnellen Erarbeitung von Normen in diesen Bereichen zunächst sicher sinnvoll, etwa ab dem Jahr 2000 erkannte man die Notwendigkeit von „horizontalen Normen“, um der Entwicklung weiterer sektoraler Normen vorzubeugen, die sich bis auf die zu untersuchende Matrix kaum methodisch voneinander unterscheiden. Ausgestattet mit einem Mandat der EU wurde das CEN/TC 400 PC „Horizontale Normung für die Bereiche Schlamm, Bioabfall und Boden“ gegründet, in dem matrixübergreifende Normen erarbeitet wurden. Inzwischen sind die CEN/TCs 292, 345 und 400 PC aufgelöst und deren Normen und laufende Projekte in das neu gegründete CEN/TC 444 „Prüfverfahren für die umweltbezogene Charakterisierung fester Matrices“ (Ende 2019 in „Umweltrelevante Feststoffmatrizes“ umbenannt) überführt worden.

Die Weiterentwicklung von horizontalen Normen bei CEN und ISO erfolgt in enger Absprache. Beispielsweise werden aktuell die bestehenden Normen zur Bestimmung des königswasserlöslichen Anteils (DIN ISO 11047 [4] sowie DIN EN 16174 [5]) durch eine gemeinsame Norm ersetzt, die unter der neuen Nummer DIN EN ISO 54321 [6] erscheinen wird. Federführend ist hierbei das CEN/TC 444, die Abstimmungen laufen parallel gemäß Wiener Vereinbarung. Bei der Bestimmung des pH-Wertes ist es umgekehrt: die bestehenden Normen (DIN ISO 10390 [7] und DIN EN 15933 [8]) werden unter Leitung des ISO/TC 190 durch DIN EN ISO 10390 [9] ersetzt werden.

Ausblick

Nach 35 Jahren ist schon vieles genormt, und der Zuwachs an weiteren gesetzlich zu überwachenden Stoffen ist überschaubar. Die konsequente „Horizontalisierung“ wird weitergehen. Das heißt aber auch, dass die sektoralen Normen konsequent zurückgezogen werden müssen. Darüber hinaus müssen auch andere der bestehenden Normen dem Stand der Technik angepasst werden, Schwerpunkt der aktuellen und zukünftigen Arbeit ist die Pflege des Normenbestandes und dessen Modernisierung.

Aber es werden auch neue Umweltprobleme erkannt, die weitere Analyseverfahren erfordern -  als Beispiel sei hier Mikroplastik genannt. Es bleibt noch einiges zu tun!

Dr. Klaus Liphard

(Vorsitzender ISO/TC 190)

mit Unterstützung von

Theresa Gesswein

(DIN Komitee Managerin ISO/TC 190)

Artikel aus DIN Mitteilungen, Ausgabe Juli 2020

[1] DIN-Normen und Rechtsetzung, Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags, Aktenzeichen: WD 7- 3000 - 198/19 11. Dezember 2019;

[2] ISO 22155, Bodenbeschaffenheit - Gaschromatographische Bestimmung flüchtiger aromatischer Kohlenwasserstoffe, Halogenkohlenwasserstoffe und ausgewählter Ether - Statisches Dampfraum-Verfahren;

[3] ISO 20951, Bodenbeschaffenheit - Leitfaden für Verfahren zur Messung des Austausches von Treibhausgasen (CO<(Index)2>, N<(Index)2>O, CH<(Index)4>) und Ammonium (NH<(Index)3>) zwischen Böden und der Atmosphäre;

[4] DIN ISO 11047:1998, Bodenbeschaffenheit - Bestimmung von Cadmium, Chrom, Cobalt, Kupfer, Blei, Mangan, Nickel und Zink im Königswasserextrakt - Flammen- und elektrothermisches atomabsorptionsspektrometrisches Verfahren;

[5] DIN EN 16174:2012, Schlamm, behandelter Bioabfall und Boden - Aufschluss von mit Königswasser löslichen Anteilen von Elementen;

[6] DIN EN ISO 54321, Boden, behandelter Bioabfall, Schlamm und Abfall - Aufschluss von mit Königswasser löslichen Anteilen von Elementen;

[7] DIN ISO 10390, Boden, Schlamm und behandelter Bioabfall - Bestimmung des pH-Wertes;

[8] DIN EN 15933, Schlamm, behandelter Bioabfall und Boden - Bestimmung des pH-Werts.